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Die Entstehungsgeschichte des Taiji-Quan

Das Taiji-Quan auch T'ai-Chi-Ch'uan, verkürzend Tai Chi oder chinesisches Schattenboxen genannt, ist eine im Kaiserreich China entwickelte innere Kampfkunst. In der Volksrepublik China ist Taijiquan in zumeist stark vereinfachter Form ein Volkssport und in den Parks der Städte sieht man in den Morgenstunden tausende Menschen beim Üben der Bewegungen.
Über den Aspekt als Kampfkunst und Selbstverteidigung hinaus wird Taijiquan häufig als allgemeines System der Bewegungslehre oder als Gymnastik betrachtet, das einerseits der Gesundheit sehr förderlich ist, andererseits der Persönlichkeitsentwicklung und der Meditation dienen kann. Besonders im Westen tritt der Kampfkunstaspekt häufig hinter diesen Aspekten zurück.

Entstehungslegenden und Verbindungen zum Daoismus


Über die Entwicklungsgeschichte des Taijiquan gibt es widersprüchliche Angaben. Die meisten der heute Taijiquan Praktizierenden berufen sich auf Vorläufer oder Wurzeln aus dem 15. Jahrhundert oder früher. Des Weiteren sollen die Wurzeln oder Vorläufer nur einem engen Personenkreis zugänglich gewesen sein, etwa einem Kloster oder einer Familie. Entsprechend entziehen sich diese auch der offiziellen Geschichtsschreibung. Erschwerend kommt hinzu, dass es im chinesischen Kaiserreich üblich war, sich in eine Reihe von Vorfahren oder Lehrern zu stellen, die möglichst hoch angesehen oder gar Sagengestalten waren, d.h. es wurden nicht immer die tatsächlichen Sachverhalte weitergegeben. All dies leistete der Mythenbildung Vorschub.

Unsicher ist, ob es eine historische Verbindung zwischen dem philosophischen Daoismus (im Gegensatz zum religiösen Daoismus) jener Zeit und der Entstehung des Taijiquan gibt. In den klassischen Schriften des Taijiquan gibt es zahlreiche Punkte, die einen besonderen Bezug zum Daoismus nahelegen und diesbezüglich auch zu dem heiligen Wudang Gebirge.
Wann diese Schriften entstanden sind, ist jedoch umstritten.

Vorläufer des Taijiquan


Einige Namen werden immer wieder genannt, die als Vorläufer des Taijiquan betrachtet werden können. Für die Schreibweisen der im Folgenden aufgeführten Techniken und deren Begründer gibt es Varianten.

Sanshiqi - 37 Positionen oder Figuren, von Xu Xunbing oder Zha Suanming, Einsiedler auf dem Zeyangshan.
Xiantianquan - ein die innere Energie betonender Stil von Li Daozi. Der Name bezieht sich auf die Anordnung der Acht Trigramme "Vor dem Himmel". Li Daozi wurde auch der Meister von Wudang genannt.
Shaoxiutian - die neun kleinen Himmel von Zheng Lingzi, der diese Technik weitergab an Han Kongyue.
Hutianfa - von Yin Lixian, der Hu Jingzi unterwies. Der Name bezieht sich auf die Trigramm-Anordnung "Nach dem Himmel".
Zhang Sanfeng
und die Wudang-Berge

Innerhalb der Kampfkünste (chin. Wushu) wird Taijiquan zu den inneren Kampfkünsten (chin. Neijia) gerechnet. Als legendärer Begründer der inneren Kampfkünste
und damit auch des Taijiquan wird Zhang Sanfeng betrachtet. Der Legende nach entdeckte er die Prinzipien der inneren Kampfkünste in den Wudang-Bergen, nachdem er den Kampf zwischen einer Schlange und einem weißen Kranich beobachtet hatte. Zhang Sanfeng soll zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert gelebt haben, aber seine historische Existenz ist nicht belegt.

Unter Anhängern der Wudang-Hypothese herrscht die Meinung vor, daß seit jener Zeit in den daoistischen Klöstern der Wudang-Berge die inneren Kampfkünste weitergegeben und tradiert wurden. Die drei bekanntesten inneren Kampfkünste Taijiquan, Baguazhang und Xingyiquan sind demnach vielleicht nicht dort erfunden worden, aber zumindest hätten ihre Erfinder Lehrer von dort gehabt oder dort gelernt.

Die Wudang-Hypothese ist historisch umstritten. Manche der Texte der sogenannten Klassiker des Taijiquan tragen Namen von Autoren, die eine solche Verbindung zu den Wudang-Bergen nahelegen, jedoch ist umstritten, wann diese Texte wirklich entstanden sind, oder ob die Namen der Autoren nicht erst später hinzugefügt wurden. Dies könnte aus verschiedenen Gründen geschehen sein: einerseits um den Texten mehr Gewicht zu geben, andererseits um der konfuzianische Tugend der Bescheidenheit zu genügen, oder sogar nur, um die Wudang-Hypothese zu bekräftigen.

Heutzutage wird in den Wudang-Bergen eine Form des Taijiquan als Teil der inneren Kampfkünste praktiziert und gelehrt, die sich von anderen Stilen des Taijiquan unterscheidet. Diese wird von Anhängern des Wudang-Stils direkt auf Zhang Sanfeng und die Traditionen der Klöster zurückgeführt, auch wenn die Bezeichnung Taijiquan für die Form und wahrscheinlich auch die eigentliche Form selbst sicherlich neueren Ursprunges ist.

Entstehung der "5 Familienstile"


Verlässlich lässt sich die Geschichte des Taijiquan bis etwa zur Mitte des 16. Jahrhunderts zurückverfolgen. Damals schrieb Qi Jiguang "Die 32 Arten der Boxformen". Obwohl darin kein Taijiquan erwähnt wurde, enthält das Buch dennoch einige Techniken und Namen für diese, die auch heute noch im Taijiquan zu finden sind.

Mitte des 17. Jahrhunderts tauchte im Dorf Chenjiagou ein innerer Boxstil auf. Zum Ursprung des Stils gibt es verschiedene Ansichten. Der Überlieferung der Familie Chen zur Folge wurde der Stil von Chen Wangting aus seinen bestehenden Kenntnissen der Kampfkünste entwickelt. Wie intensiv die Einflüsse anderer Künste auf diesen Boxstil tatsächlich waren, ist nicht mehr nachzuvollziehen, oder ob Chen Wangting einen Lehrer hatte. Einer anderen Überlieferung zufolge brachte ein Reisender namens Wang Zongyue oder Jiang Fa den Stil nach Chenjiagou. Nachdem er sich dort erfolgreich einigen Herausforderungen gestellt hatte, wurde er darum gebeten, seinen Stil zu lehren.

Fest steht, dass der Stil seit dieser Zeit zunächst als Familiengeheimnis der Familie Chen weiterentwickelt und tradiert wurde. Das Taijiquan der Chen-Familie wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert erstmals an einen Außenstehenden weiter gegeben: Chen Changxing (1771-1853) akzeptierte Yang Luchan (1799-1872) als Schüler im inneren Kreis der Familie. Yang Luchan entwickelte das Gelernte weiter und wurde zum Begründer des Yang-Stils. Etwas später unterrichtete Chen Qingping (1795-1868) ebenfalls außerhalb der Familie Wu Yuxiang (1812-1880).

So wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Grundlage für die sogenannten 5 Familienstile gelegt, benannt nach den Familiennamen der Stilbegründer. Dies sind:

Chen-Stil
im "alten Rahmen" nach Chen Changxing (1771-1853) oder nach Chen Qingping im "kleinen Rahmen" (1795-1868)
Yang-Stil
nach Yang Luchan; im "großen Rahmen" nach Yang Chengfu (1883-1936) oder im "kleinen Rahmen" nach Yang Banhou (1837-1892)
Wu/Hao-Stil
nach Wu Yuxiang (1812-1880)
Wu-Sti
l nach Quanyou (1834-1902) und seinem Sohn Wu Jianquan (1870-1942)
Sun-Stil
nach Sun Lutang (1861-1932)
Man beachte, dass das "Wu" in "Wu Yuxiang" ein anderes Schriftzeichen ist als in "Wu Jianquan" - es handelt sich also um verschiedene Familien. Generell kann man in heutiger Zeit nicht mehr aus dem Namen eines Meisters auf den Taijiquan-Stil zurückschließen. Man sagt, es habe immer wieder Verbindungen zwischen den Taijiquan-Familien gegeben.

Ausbreitung des Taijiquan im Westen


Im Westen wurde das Taijiquan in der Mitte des 20. Jahrhunderts bekannt. Dabei tat sich insbesondere Zheng Manqing (W.-G. Cheng Man-ch'ing, 1899-1974) hervor. Er war von 1928-1935 ein Schüler des Yang-Stil Meisters Yang Chengfu und entwickelte eine stark verkürzte Form in 37 Bildern. Im Jahre 1949 wanderte er zunächst nach Taiwan, im Jahre 1964 dann nach New York aus. Dort begann er, seine Form zu unterrichten.
Vermutlich ist es der Einfachheit der Kurzform und der Offenheit von Zheng Manqing zu verdanken, dass sich seine Form im ganzen Westen verbreitete und damit maßgeblich zur Ausbreitung des Taijiquan im Westen beitrug. Dabei ist sowohl Zheng Manqing als auch seine Form nicht unumstritten, und seine Form wird von den Vertretern des Yang-Stils nicht anerkannt..

Neuere Geschichte


Seitdem sich das Taijiquan zunächst in China und später auch im Westen zunehmender Beliebtheit erfreute, ist eine sehr große Diversität von Stilen zu beobachten. Es haben sich unzählige Weiterentwicklungen, Abkömmlinge und Mischungen entwickelt, die unter der Bezeichnung Taijiquan gelehrt und praktiziert werden.

Dabei herrschen zwei Tendenzen vor:


Zurück zu den Wurzeln: ein Teil der Stile berufen sich auf möglichst alte, "authentische" Wurzeln. Diese Stile tragen meistens den Namen eines der Familienstile oder auch noch älterer Stile.
Das Beste von Allem: der andere Teil der Stile sind Neuentwicklungen, welche die "besten" Eigenschaften der anderen Stile kombinieren sollen. Dabei werden gerne auch Elemente aus anderen Kampfkünsten, aus dem Tanz, oder von Meditationstechniken übernommen. Ein Beispiel dafür ist das Tang Lang Taijiquan.
Im Jahre 1956 wurden von offizieller Seite in der VR China die Pekingform
mit 24 Bildern eingeführt. Diese Form basiert auf dem Yang-Stil. Darauf aufbauend wurde 1976 eine Form mit 48 Bildern entwickelt, in die auch Elemente anderer Stile eingebunden sind. 1989 entstand die Form mit 42 Bildern als eine neuere Wettkampfform. Sie enthält deutlich Elemente verschiedener Stile. Im gleichen Jahr wurde auch eine Wettkampfform im Yang-Stil mit 40 Bildern vorgestellt. Seit 1999 gibt es im Yang-Stil außerdem noch eine Form mit 16 und eine mit 10 Bildern.

Quelle: Wikipedia

 
 
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